Der Dialog - wie er begann und wie er funktioniert
Internationale Begegnung = Interkulturelle Verständigung?
Unabhängig von den Zielsetzungen internationaler Schüleraustausch- und Jugendbegegnungsprogramme und den sich wandelnden Motiven ihrer TeilnehmerInnen gehen die meisten Begegnungsträger und Austauschorganisationen nach wie vor von der Annahme aus, dass ihre Programme per se positive Auswirkungen erzielen. In den Köpfen -oder in den Herzen?- der Programmverantwortlichen spukt immer noch die (empirisch längst widerlegte) "Kontakthypothese", nach der es völlig ausreicht, junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen auf freiwilliger Basis an einem Ort zusammen zu bringen, um interkulturelle Verständigung zu erzielen. Wohl auch aus diesem Grunde sind systematische Programmentwicklung, theoriegeleitete Fortbildung der (zumeist ehrenamtlichen) MitarbeiterInnen sowie längerfristige Wirkungsevaluation immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Die Sozialwissenschaften andererseits tun sich ebenfalls schwer, der Begegnungspraxis systematisch und anwendungsorientiert aufbereitete Erkenntnisse oder gar eine solide Handlungsanleitung zu liefern: Die sogenannte "Austauschforschung" besteht überwiegend aus isolierten Studien, die meist der Erlangung akademischer Ausbildungsabschlüsse dienen, kaum praktische Anwendungsmöglichkeiten aufzeigen und oft nicht einmal in geeigneter Form in die Begegnungspraxis kommuniziert werden. Dieser beiderseitige Unterstützungsbedarf legt praxisorientierte Forschungsanstrengungen in enger Kooperation mit Begegnungsträgern nahe (Thomas, 1984, 1986).
Wissenschaftliche Forschung und Begegnungspraxis sinnvoll verbinden
Werner Müller brachte diese Ausgangslage 1984 auf den Punkt: "Es geht also um die Ausgestaltung des Weges vom Wissenschaftler zum Praktiker; es geht um die Ausgestaltung einer (fast) fehlenden 'mittleren Ebene': Experten, die wissenschaftliche Ergebnisse kennen und sie auch in eine konkrete Praxis umsetzen können" (S. 66). Vier Jahre später war die Problematik "Barrieren in der Zusammenarbeit?" Titel und Gegenstand einer Fachtagung der Thomas-Morus-Akademie Bensberg, zu der namhafte Austauschforscher und Begegnungsträger in Walberberg zusammen kamen.
Trägerstruktur und Arbeitsweise
Eine Arbeitsgruppe auf dieser Konferenz rief den "Forscher-Praktiker-Dialog" ins Leben und formulierte eine Reihe globaler Zielsetzungen der Zusammenarbeit. Die Ziele und mögliche Umsetzungsformen wurden ein Jahr später auf einer "Impulstagung" in Bonn konkretisiert, zu der die ersten Träger des Dialogs, der Studienkreis für Tourismus (StfT) und der Sozialwissenschaftliche Studienkreis für internationale Probleme (SSIP) gemeinsam eingeladen hatten. Nach dem Konkurs des Studienkreis für Tourismus im Jahre 1993 wurde ein Jahr später die Hauptträgerschaft von der Thomas-Morus-Akademie Bensberg übernommen. Diese Bildungsstätte des Diözesanrates im Erzbistum Köln hat sich die Reflexion und Interpretation gesellschaftlicher Entwicklungen zur Aufgabe gemacht und führt Seminare, Tagungen, Ausstellungen, Studien- und Entwicklungsprojekte durch. Kinder- und Jugendreisen sowie pädagogischer Jugendaustausch zählen zu ihren thematischen Schwerpunkten. Die inhaltliche Ausgestaltung des Forscher-Praktiker-Dialogs erfolgte dann in Zusammenarbeit mit transfer e.V. und dem SSIP e.V. Der SSIP e.V. ist ein multidisziplinäres Forum von SozialwissenschaftlerInnen, die je nach ihren fachlichen Interessen und Forschungsschwerpunkten in thematischen Arbeitsgruppen tätig sind. Speziell die Arbeitsgruppe "Austauschforschung" hat seit Mitte der 80er Jahre eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen in enger Zusammenarbeit mit Austauschorganisationen und -praktikern durchgeführt. Die Praxisseite des Dialogs wurde von transfer e.V. vertreten, dem Servicebüro für interkulturelle Jugendarbeit in Köln. Im Jahre 2007 änderte sich die Trägerstruktur des Forscher-Praktiker-Dialogs und wird seitdem durch transfer e.V., die Fachhochschulen Köln und Koblenz sowie der Europäischen Jugendbildungs und -begegnungsstätte Weimar (EJBW) und IJAB e.V. ausgefüllt. Der Dialog findet in Form von Fachtagungen, Experten-Hearings und Kooperationsprojekten statt, die bis 1994 von einer halbjährlich tagenden Planungsgruppe, danach durch kleinere Planungskonferenzen der drei Trägerorganisationen konzipiert und koordiniert wurden. Die aktuelle Steuergruppe des Dialogs besteht aus Dr. Werner Müller (transfer e.V., Köln), Marie-Luise Dreber (IJAB, Bonn), Prof. Dr. Alexander Thomas als Einzelmitglied, Ulrich Ballhausen (EJBW, Weimar), Prof. Günter J. Friesenhahn (FH Koblenz) und Prof. Andreas Thimmel (FH Köln). Einmal jährlich findet darüber hinaus das sogenannte Konsultationstreffen statt, bei dem die Projekte des letzten Jahres ausgewertet und neue für das Folgejahr diskutiert werden. Im Vorfeld des Treffens haben Träger und Projektgruppen die Möglichkeit, Ideenskizzen einreichen. Die initiierten Studien- und Entwicklungsprojekte werden zum größten Teil aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans vom Bundesministerium für Frauen, Senioren, Familie und Jugend gefördert. Die jeweilige Antragstellung übernimmt für den F-P-D transfer e.V.